Letzte Änderung: 01.10.2020 14:32 Uhr

„Ein völlig unterschätztes Virus“

Interview mit "Doc Esser", bekannt aus dem WDR Fernsehen, zu COVID-19 und den Folgen für Patienten

© Herby Sachs | WDR
Heinz-Wilhelm Esser, bekannt auch als "Doc Esser" aus dem WDR Fernsehen

Was macht das Virus mit uns? Und was mit den Patienten? Diese Fragen beschäftigten Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser als Leiter der COVID-19-Station in der Sana Klinik Remscheid zu Beginn der Pandemie. Seine eigene Infektion mit Sars-CoV-2 bemerkte der Pneumologe erst später. Die Langzeitfolgen von COVID-19 bereiten ihm momentan die größten Sorgen.

Corona-Virus. COVID-19. Was denken Sie als erstes bei diesen Begriffen?

Völlig unterschätztes Virus. Völlig unterschätzte Erkrankung. Wir kennen Coronaviren schon seit gut 60 Jahren und wissen, dass sie für einen Großteil unserer grippalen Infekte im Winter zuständig sind. SARS-CoV-1 und MERS zeigten aber bereits ein unfassbar lebensgefährliches Potenzial – jedoch innerhalb eines begrenzten Gebietes. Mit SARS-CoV-2 haben wir nun einen Erreger, der es letztendlich geschafft hat, die ganze Welt gleichzeitig in Aufruhr zu versetzen. Das große Problem: Viele merken nicht, dass sie an COVID-19 leiden – oder haben nur schwache Symptome – sind aber hochansteckend. Dann gab es die große Diskussion um die Sterblichkeit. Es heißt, vor allem Alte und Schwache sterben und Jüngere kommen oft mit einem blauen Auge davon. Das stimmt. Abgesehen davon, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die Sterblichkeit höher sein wird, als momentan angenommen, sind die Langzeitfolgen, die wir momentan beobachten, besorgniserregend und in ihrer Komplexität nicht absehbar.

Was beobachten Sie verstärkt bei als geheilt geltenden Patienten?

Bei sehr vielen als geheilt geltenden Betroffenen entwickeln sich sechs bis acht Wochen nach akuter COVID-19-Erkrankung neue Erkrankungen und Symptome.

Das können Lungenerkrankungen sein: zum Beispiel Asthma oder Fibrosen – hierbei wird das Lungen- in Bindegewebe umgewandelt. Aber auch Symptome wie Schwindel, Verwirrtheit, Panikattacken und subjektive, nicht messbare Luftnot treten auf. Weiterhin scheint es auch vermehrt zu Autoimmunerkrankungen und Diabetes mellitus zu kommen.

Wie sehr sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ich habe mir in Folge einer COVID-19-Erkankung eine Vaskulitis zugezogen, das ist eine Gefäßentzündung aufgrund einer überschießenden Reaktion meines Immunsystems. Zudem hatte ich plötzlich Belastungs-Asthma. So kam mir erst der Gedanke, dass ich an COVID-19 erkrankt gewesen sein könnte. Es muss um Ostern gewesen sein. Zuvor hatte ich mehrere Wochen die COVID-Station geleitet und war dementsprechend viel in Kontakt mit infizierten Patienten. Ich fühlte mich müde, habe viel geschlafen, führte das aber auf anstrengende Monate zurück. Ein Antikörper-Test bestätigte dann Wochen später die Vermutung.

Als Leiter der COVID-Station waren Sie von Beginn an sehr nah am Geschehen. Was hat Sie an SARS-Cov-2 überrascht?

Der teilweise schnelle und heftige Verlauf. Die Patienten kamen noch relativ gut und aufrecht auf die Isolierstation mit Verdacht auf COVID-19 und ihr Zustand hat sich dann innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtert. Wir hatten fulminante beidseitige Lungenveränderungen mit großflächigen Infiltraten, also Flüssigkeitsansammlungen – so etwas habe ich in der Form selten gesehen. Und das betraf auch viele junge Menschen. Es ist noch ein relativ unklares Krankheitsbild. Zum Beispiel wissen wir noch nicht, warum einige Betroffene mit einer schlechten Sauerstoffversorgung im Blut so wenig Atemnot haben – und deswegen auch zu spät ins Krankenhaus gekommen sind. Im Englischen spricht man von der „happy hypoxia“ kurz Happy Hypox, dem „glücklichen Sauerstoffmangel“. 

Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement?

Wir haben es lokal und deutschlandweit gut gemeistert. Die Welle kam nicht so stark, wie alle erwartet hatten, was vor allem am rechtzeitigen Lockdown lag. Wir haben verhindert, dass das Gesundheitssystem in die Knie gegangen ist. Dennoch haben wir viele Schäden zu begutachten.

Welche sind das im Speziellen?

Viele Ärzte in den Praxen haben an vorderster Front gekämpft und mussten ohne regelgerechte Schutzkleidung auskommen. Ein Unding. Das sollte uns eine Lehre sein. Wir dürfen uns nicht mehr von anderen Ländern abhängig machen. Deutschland und Europa müssen für Unternehmen als Produktionsstätte interessant werden, um hier hochwertige Materialien herzustellen. Denn die nächste Welle kommt. Ich bin gerade auch fassungslos darüber, dass der versprochene Bonus für Pflegekräfte wieder zurückgenommen wurde. So muss man sich nicht wundern, wenn keiner mehr in diesen Berufen arbeiten möchte. Applaus auf den Balkonen ist zwar eine schöne Anerkennung – aber das reicht nicht. Ich glaube auch, dass uns die Langzeitfolgen der Coronavirus-Pandemie noch die nächsten Jahre beschäftigen und unser Gesundheitssystem massiv belasten.

Was nervt Sie besonders im Zusammenhang mit Corona? Worüber kann nicht oft genug gesprochen werden?

Mich nervt vor allem die Verharmlosung. Und die Fake-News im Netz. Die wirken oftmals seriös, weil dort mit Halbwahrheiten gearbeitet wird. Das halte ich für verheerend. Darum werde ich auch nicht müde in meinem Podcast, im Fernsehen oder Radio immer wieder davon zu erzählen, dass es keine harmlose Erkrankung ist. Wir können COVID-19 erst einschätzen, wenn wir auch die Langzeitfolgen bei jungen sportlichen Menschen kennen.

Einige schränken ihre Kontakte massiv ein aufgrund der Angst vor einer Ansteckung? Was sehen Sie dabei kritisch?

Wenn die Menschen deswegen nicht mehr zum Arzt gehen und andere Erkrankungen schleifen lassen. Wer eine Herzerkrankung hat, soll weiterhin zu seinem Kardiologen gehen. Wer akute Probleme hat, soll zum Hausarzt oder ins Krankenhaus gehen. Es kann nicht sein, dass man aus Angst vor COVID-19 beispielsweise einen Herzinfarkt nicht behandeln lässt.

Was halten Sie von der Corona-Warn-App?

Ich finde, dass das ein super Tool mit guter Arbeitsweise ist. Ich kann andere nur dazu animieren, sich die App herunterzuladen. Das kann uns künftig helfen, nur noch regionale Lockdowns zu veranlassen. Vorausgesetzt, viele Leute nutzen die App – und nutzen sie regelgerecht. Ich kann auch nicht verstehen, dass viele das aus Datenschutzgründen ablehnen.  

 

Das Interview führte Jana Meyer.

 

Zur Person

Heinz-Wilhelm „Heiwi“ Esser wurde 1974 in Mönchengladbach geboren. In Köln studierte er Medizin und ist ausgebildeter Facharzt für Pneumologie, Innere Medizin, und Kardiologie mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. An der Sana Klinik in Remscheid leitet er als Oberarzt den Bereich Pneumologie und war für die COVID-19-Station verantwortlich. Die WDR-Fernsehsendung „Doc Esser – Der Gesundheitscheck“ machte ihn medial bekannt. Mit dem WDR produziert er den Podcast „Coronavirus – Doc Esser klärt auf“. Der ehemalige Leistungsschwimmer lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Köln.