Service Letzte Änderung: 09.09.2022 11:15 Uhr Lesezeit: 4 Minuten

Lieferengpässe von Arzneimitteln: Wenn Medikamente nicht verfügbar sind

Arzneimittel müssen ausgetauscht werden, bestimmte Wirkstärken einzelner Medikamente sind nicht vorrätig oder Wirkstoffe stehen komplett nicht zur Verfügung. Patientinnen und Patienten bekommen die Lieferprobleme bei Medikamenten zu spüren. Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker suchen nach kreativen Lösungen. Woran liegen die Engpässe und was kann dagegen getan werden?

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Die Engpässe bei Arzneimitteln können unterschiedliche Gründe haben – von Ausfällen bei den Rohstoffen über wirtschaftliche Gründe bis hin zu einer veränderten Nachfrage.

Und: Manchmal können auch die Verbraucher selbst etwas tun, um Engpässe zu vermeiden. Dr. Holger Neye, Apotheker bei der KV Nordrhein, erklärt anhand von einigen Beispielen, warum es zu Engpässen kommen kann.

  1. Viele Arzneimittelfirmen beziehen ihre Rohstoffe aus den gleichen Fabriken. Welche Folgen dies haben kann, zeigte ein Vorfall im Jahr 2018. Ein chinesischer Hersteller hat mit Produktionsproblemen zu kämpfen: Der Wirkstoff für bestimmte Blutdruckmedikamente war verunreinigt und konnte eine Zeit lang nicht ausgeliefert werden. Andere Anbieter, zum Beispiel aus Indien, konnten den großen Bedarf nicht decken. So kam es zu einem Engpass bei diesen Blutdruckmedikamenten.
     
  2. Zu Beginn der Corona-Pandemie rief der damalige Gesundheitsministers Jens Spahn dazu auf, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Das führte zu einer gesteigerten Nachfrage nach dem Impfstoff, die nicht ausreichend bedient werden konnte. Ein vorübergehender Lieferengpass, insbesondere der großen Packung, war die Folge.
     
  3. Im Februar 2022 informierte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erstmalig, dass Tamoxifen-haltige Arzneimittel nicht ausreichend verfügbar seien. Diese werden zur Behandlung von Brustkrebspatientinnen benötigt. Schließlich konnte österreichische Ware importiert werden. Außerdem wurde appelliert, nur die benötigten Mengen zu beschaffen und keine großen Vorräte anzulegen. So konnte ein Engpass bei der Behandlung vermieden werden. Grund für Lieferengpässe: Mehrere Zulieferer hatten sich aus der Produktion zurückgezogen, weil diese für sie nicht mehr wirtschaftlich gewesen sei. Inzwischen konnten andere Produzenten die Ausfälle weitestgehend ausgleichen.
     
  4. Derzeit gibt es einen Engpass bei fiebersenkenden Säften. Nachdem ein Anbieter von Paracetamol-Saft aus wirtschaftlichen Gründen vom Markt verschwunden war, konnte der zweite Anbieter den Bedarf nicht decken, sodass auch bei alternativen Darreichungsformen (Zäpfchen) und Wirkstoffen (Ibuprofen) die Nachfrage stieg. Dazu kommt: Familien kauften die Medikamente zum Teil auf Vorrat und auch Apotheken lagerten mehr ein als üblich – wodurch andere nicht mehr ausreichend beliefert werden konnten. Die Verkaufszahlen der Fiebersenker verdoppelten sich Anfang des Jahres im Vergleich zum Vorjahr. Die Corona-Maßnahmen hatten 2021 für weniger Ansteckungen mit anderen Erkrankungen gesorgt, 2022 stieg die Zahl der fiebrigen Erkältungen bei Kindern jedoch wieder an. Inzwischen sind Kriterien dafür festgelegt worden, in welchen Fällen Apotheken die Rezeptur selbst zusammenstellen dürfen.
     
  5. Einen besonderen Grund haben die Engpässe bei dem Mittel Elotrans. Es ist eigentlich dafür gedacht, den Elektrolythaushalt nach schwerem Durchfall wieder aufzufüllen. Doch über verschiedene Social-Media-Plattformen wurde eine weitere Wirkung verbreitet: Das Medikament solle angeblich helfen, Übelkeit und Kopfschmerzen nach übermäßigem Alkoholkonsum zu verhindern. Somit wurde die Einnahme plötzlich ein Trend unter Partygängern – und Elotrans wurde knapp für die Menschen, die es tatsächlich bei Durchfallerkrankungen benötigten. Der Hersteller spricht sich eindringlich gegen die Zweckentfremdung aus.

Die Beispiele zeigen: Lieferengpässe haben vielfältige Ursachen, etwa eine Konzentration auf einen Anbieter weltweit (auch von einzelnen Wirk- oder Begleitstoffen in der Lieferkette), erhöhte Nachfrage aufgrund von (politischen) Empfehlungen oder als Reaktion auf den Ausfall anderer Arzneimittel.

„Bei der Vielzahl an Ursachen gibt es auch vielfältige Vorschläge, wie Lieferengpässe vermieden werden könnten“, erklärt Dr. Holger Neye. „Eine ausschließlich europäische Produktion hätte ihren Preis und dürfte sich angesichts globaler Märkte deshalb kaum durchsetzen lassen. Die Arzneimittelpreise an den Produktionskosten zu orientieren, wäre eine Maßnahme, die dann aber auch auf patentgeschützte Arzneimittel angewendet werden sollte. Derzeit wird in Apotheken, Praxen und Behörden improvisiert, um mit Engpässen umgehen zu können. Eine einfache Lösung des Problems wird es nicht geben.“

Doch auch die Patientinnen und Patienten können in einigen Fällen helfen, Engpässe zu vermeiden: „Wenn außergewöhnlich viele Medikamente verkauft werden, etwa, weil die Menschen diese zu Hause lagern oder zweckentfremden, kommt es zum gleichen Effekt wie beim Klopapier zu Anfang der Pandemie. Es gibt es eigentlich genug – und trotzdem ist es nicht mehr erhältlich. Das sollte bei Medikamenten unbedingt vermieden werden. Also am besten nur kaufen, was man wirklich benötigt.“