Veranstaltung Service Letzte Änderung: 05.09.2022 16:20 Uhr Lesezeit: 3 Minuten

Suchterkrankungen im Alter

Sucht ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der „Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge“. Das Thema Sucht wird nach wie vor gern verschwiegen und ungern angesprochen. Grund genug, es bei der Fortbildungsreihe „Der ältere Mensch“ in den Fokus zu rücken.

© Axel Bueckert/AdobeStock

Moderiert von KOSA-Leiterin Stephanie Theiß, zeigte die Online-Veranstaltung unterschiedliche Facetten auf: Woran erkenne ich eine Sucht im Alter? Wie lässt sie sich realistisch behandeln? Wie gehen Pflegekräfte mit Suchtfragen um und was raten Betroffene?

Probleme: Multimorbidität und Polypharmazie

Sucht kann in jedem, auch im fortgeschrittenen Alter entstehen. Das stellte der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, einleitend klar. Ursachen können kritische Lebensereignisse sein wie der Eintritt ins Rentenalter, Verlust des Partners, Einsamkeit oder Mobilitätseinschränkungen. Für die grundversorgenden Ärzte ist die Diagnostik und Therapie herausfordernd. Ihnen stellte er zur „stillen Epidemie“ Alkoholkonsum im Alter einen Leitfaden zur ärztlichen Kurzintervention vor, mit dem man Alkoholkonsum bei Patienten mit risikoreichem Konsum ansprechen kann. Eine partnerschaftliche Gesprächsführung sei allemal zielführender als eine Behandlung von oben herab.

Die Sucht, die im Alter am häufigsten vorkommt, ist Medikamentenabhängigkeit. Die Medikalisierung von sozialen oder psychischen Problemen stellt ein großes Suchtpotenzial dar. Etwa bei Benzodiazepin-Verordnungen, die oft bei Angst- und Schlafstörungen verordnet werden.

Da die Einnahme von Medikamenten unauffällig ist, bleiben substanzbedingte Störungen gerade bei älteren Menschen oft verborgen oder werden im Umfeld stillschweigend hingenommen, so Prof. Dr. med. Norbert Scherbaum von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und dem LVR Klinikum Essen. Auch geänderte Konsumformen im Alter tragen dazu bei –  Pegeltrinken fällt nicht so auf wie exzessives Trinken. Insgesamt gelte: „Sucht im Alter ist oft alt gewordene Sucht“.

Wie diese mittels psychotherapeutisch motivierenden Interventionen behandelt werden kann, zeigte Dr. med. Julia Christel anhand von Fallbeispielen der gerontopsychiatrischen Tagesklinik LVR-Klinikum Düsseldorf.

Abstinenz muss nicht das Ziel sein

In den Einrichtungen der Suchthilfe wie der Suchtambulanz Köln sind ältere Menschen deutlich unterrepräsentiert. Hier ist die Psychiaterin Eva Dorgeloh tätig. Ihren Ambulanzpatienten aus der „Szene“ – 80 % Männer, 20 % Frauen – wird Abstinenz als oberstes Ziel nicht gerecht. Vielmehr gehe es um schadensminimierende Therapieziele und eine Tolerierung von Alkoholkonsum in Maßen. „Man muss es auch aushalten und akzeptieren, dass einige Menschen gar keine Veränderung wünschen“, so Dorgeloh.

Was in der Realität tatsächlich erreichbar ist, erlebt auch Medya Akbal in ihrem täglichen Berufsalltag. Als Stationsleiterin der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen im LVR-Klinikum Düsseldorf kennt sie sich mit Sucht, Entzug und Dreh-Tür-Patienten aus. Für sie ist es befriedigend, wenn eine Verbesserung der Lebensqualität wie eine kontrollierte Abhängigkeit erreicht werden kann. Akbal bedauert, dass der Pflegeberuf heutzutage unattraktiv ist, denn sie weiß, wie viele Menschen ihre Hilfe brauchen.

Allein in Düsseldorf kommen 300 Personen zu den Gruppentreffen des Kreuzbunds. Die Selbsthilfegemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige bietet Unterstützung, um aus der Sucht auszusteigen, auch für Ü-60- und Seniorengruppen. Klaus Kuhlen ist ihr stellvertretender Vorsitzender und bringt die Perspektive der Betroffenen ein. Er wünscht sich mehr Präventionsmaßnahmen und möchte dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen, um wieder freier zu sein.

Fazit: Besser als ein fiktives Ziel, das starken Druck auf Patienten und die Behandlung aufbaut, sind realistische, kleinschrittige Therapiepläne. Dafür braucht es „Brücken-Bauen“ in hilfreiche Strukturen, eine offene Kommunikation und Toleranz für die Autonomie der Patienten.

Die komplette Veranstaltung können Sie auf auf dem Youtube-Kanal der KV Nordrhein ansehen.

Reihe: Der ältere Mensch

Die Fortbildungsreihe "Der ältere Mensch" wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, der Ärztekammer Nordrhein, dem Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein sowie der Ärztlichen Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung in Nordrhein ins Leben gerufen. Sie richtet sich an Fachleute, aber auch an Vertreter und Vertreterinnen von Selbsthilfeorganisationen, Betroffene und interessierte Laien.

Weitere Infos zur Reihe erhalten Sie bei der Kooperationsberatung für Selbsthilfegruppen, Ärzte und Psychotherapeuten, KOSA.