Service Letzte Änderung: 23.03.2021 15:49 Uhr Lesezeit: 10 Minuten

Autismus – einfach anders e.V., Oberhausen

Autismus – bei dem Stichwort denken einige an Greta Thunberg, die das Asperger-Syndrom hat. Auch der Film „Rain Man“ hatte seinerzeit großen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung. Die Bandbreite von Autismus ist vielfältig.

© autismus – einfach anders e.V.
Protestmarsch des Vereins zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Eine sogenannte Autismus-Spektrum-Störung ist eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Symptomen. Gemeinsam ist den AutistInnen, dass sie häufig Missverständnisse oder Irritationen bei ihrem Gegenüber verursachen, denn sie verarbeiten Wahrnehmungen und Informationen anders als die meisten Menschen.

Zurückgezogen ins Innere

Auch Silvia Prochnaus Sohn bekam mit elf Jahren die Diagnose Asperger-Autismus. Sie fühlte sich damit lange Zeit allein und vermisste eine Anlaufstelle im Umkreis von Oberhausen. Im Internet stieß sie auf die Autistin, Aktivistin und Autorin Samantha Becker. Vor fünf Jahren, im April 2016, gründeten sie mit einigen anderen den Verein „Autismus – einfach anders e.V.“ in Oberhausen. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten Autisten jeder Altersstufe zu kämpfen haben. Unser Verein bietet zum einen zwanglose Treffen für ein gemeinsames Beisammensein an. Zum anderen leisten wir in unseren Selbsthilfegruppen umfassende Hilfestellung. Wichtig ist uns eines: Wir reden mit Autisten, nicht über sie.“

Durch fleißiges Spendensammeln konnten 2017 eigene Vereinsräume hergerichtet werden. Hier treffen sich seitdem die diversen Gruppen: Je eine reine Männer- und Frauen-Selbsthilfegruppe, Eltern mit autistischen Kindern, allgemeine Gruppe, Spiele-Gruppe. Es gibt ein eigens eingerichtetes Spielzimmer mit Bausteinen für Kinder und Gesellschaftsspielen. Silvia Prochnau: „Wir wollen ja nicht nur über Probleme reden, sondern auch eine Wohlfühlatmosphäre für alle schaffen. Dazu gehört, auch mal online zu zocken und dabei reden, einfach in Kontakt sein.“

Genau das, die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen und zur Außenwelt, fällt Autisten schwer. In Deutschland leben ungefähr 500.000 medizinisch diagnostizierte Autisten. Sie teilen sich auf eine ganz eigene Art mit. Für sie ist nicht leicht, Gesichtsausdrücke wie Angst oder Freude zu deuten oder Ironie zu verstehen. Was andere Menschen denken oder fühlen oder warum sie etwas tun, können sie zum Teil schwer nachvollziehen. Damit einher gehen sich wiederholende Verhaltensweisen und eine Fixierung auf Details. Unerwartete Veränderungen und Abweichungen von Ritualen oder Gewohntem können Betroffene schnell aus der Fassung bringen, beispielsweise wenn sich Gegenstände nicht mehr an ihrem gewöhnlichen Platz befinden.

Eigenheiten tolerieren

Umso größer also das Kompliment, wenn Autisten sagen: „Hier (im Verein) fühlte ich mich sofort wohl.“ Denn das ist woanders selten der Fall. Bei „einfach anders“ sind mittlerweile etwa 100 Vereinsmitglieder engagiert. Nichtautistische und autistische Menschen begegnen sich hier auf Augenhöhe. Die Gruppentreffen sind mit im Schnitt acht bis zehn Personen über das Jahr verteilt gut besucht. Interessierte können sich über alle Fragen rund um Autismus informieren, sei es über Verhaltenstipps oder den Sinn von Therapien, Anträge auf Schulbegleitung oder Pflegegeld … Auch Workshops und Filmabende werden angeboten.

Auf eins wird im Verein großer Wert gelegt: Autisten werden als genauso unterschiedlich gesehen wie Nicht-Autisten („Kennst du EINEN Autisten, dann kennst du genau EINEN Autisten“). Ohnehin wird Autismus hier weniger als Krankheit denn als Wesensart, als lebenslange Form des Andersseins verstanden. Silvia Prochnau erzählt: „Autismus bringt auch erstaunliche Stärken und Fähigkeiten mit sich. Manche Autisten haben spezielle Begabungen wie zum Beispiel ein fotografisches Gedächtnis. Die Autistin Sam etwa arbeitet beim LKA in Düsseldorf in der Verbrechensbekämpfung mit Bilddatenbanken, da sie einmal gesehene Bilder ihr Leben lang nicht vergisst.“

Über Neuigkeiten informiert eine Facebook-Seite. Während der Corona-Pandemie bietet der Verein Videokonferenzen an, die gut ankommen. Zum Mut-Machen und Aufmuntern wurden bereits zweimal Postkarten an die Mitglieder verschickt. Und für das kommende Jahr ist eine große Aktion in Vorbereitung: der erste Oberhausener Autismus-Fachtag im LVR-Industriemuseum im April.