Service Letzte Änderung: 28.06.2021 05:08 Uhr Lesezeit: 5 Minuten

Transfamily NRW e.V.

Die öffentliche Debatte um geschlechtergerechte Sprache, ein Transgender-Model als Siegerin bei Heidi Klums Model-Show, Promis, die eine Geschlechtsanpassung bekanntgeben … man könnte meinen, dass Thema Geschlechtsidentität sei eine Modeerscheinung. Ist es aber nicht. Schon seit Urzeiten und in allen Kulturen gibt es Menschen, die sich den zwei Geschlechtern Mann und Frau nicht eindeutig zuordnen können oder wollen.

© Transfamily NRW e.V.

Doch auch wenn das Thema Trans* immer weniger tabuisiert wird: Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, leiden vielfach unter einem tiefgreifenden Lebenskonflikt.

Der Verein Transfamily NRW hat es sich zur Aufgabe gemacht, Transsexualität sichtbar zu machen, aufzuklären, Beratung und Austausch anzubieten. Den Zusammenschluss transsexueller Menschen, ihrer Partner und Angehörigen, gibt es bereits seit 2001. Vor zwanzig Jahren kamen die ersten Betroffenen und Angehörigen in Duisburg als Selbsthilfegruppe zusammen. Immer mehr Menschen aus der Umgebung kamen dazu und begegnen sich z.B. in regelmäßigen Gruppentreffen.

Die Expertise von Transfamiliy ist stark nachgefragt. In den letzten Jahren äußern verstärkt junge Menschen den Wunsch, ihren Körper ihrem Geschlechtsempfinden z.B. mit medizinischen geschlechtskorrigierenden Maßnahmen anzupassen.

Jenseits der Norm

Christina R. ist eines der Gründungsmitglieder des Vereins. „Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, was ein transidenter Mensch fühlt, wie es ist, sich im eigenen Körper fremd zu fühlen, was er durchmachen muss, um am Ende hoffentlich frei und glücklich sein zu dürfen.“ Jeder Mensch möchte schließlich „mit sich im Reinen sein“. Das ist schwer genug, insbesondere, wenn man bereits als Kind das Gefühl hat, im falschen Körper geboren worden zu sein und sich komplett allein fühlt auf der Welt.

Die engagierten Mitglieder bei Transfamily schildern ihre Erlebnisse sehr eindrucksvoll. Simon, 44 Jahre, beschreibt seine Coming-out als Gefühl von Freiheit. „Ich habe meinem Herzen die Freiheit geschenkt. Endlich endet das Gefühl einer langen Gefangenschaft und es gibt keine Mauern, kein Gefängnis mehr.“ Es ist eine unendliche Erleichterung, wenn man – nach einem langen und schmerzhaften Prozess –  die Person sein kann, die man sein möchte. Der junge Transmann Leo etwa mied immer sein eigenes Spiegelbild. Denn wenn er es unvermutet sah, bekam er einen Schock, weil sein Aussehen dem inneren Gefühl in keiner Weise entsprach und nicht seine Identität widerspiegelte. 

Christina R.: „Vorherrschend ist die Denkweise: Genitalien bestimmen dein Geschlecht. Dabei sagen allein die Genitalien wenig darüber aus, als was sich jemand fühlt. Wir machen uns stark für ein umfassenderes Verständnis.“

Bei Transfamily fängt es mit Transjungs von 12 Jahren an bis zu Transmännern, die Mitte 50 sind. Eine Untergruppe  etwa unterstützt ihre eigenen Kinder auf dem Weg in die Transition. Das bedeutet für die gesamte Familie einen Einschnitt. Arztbesuche, Diagnose, Gutachten, Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse, Fristen einhalten, psychiatrisch-psychotherapeutisch begleitete Alltagserprobung („Alltagstest“), in dem man sich mit seinem neuen sozialen Geschlecht im gesamten Umfeld outet, gegebenenfalls hormonelle Behandlung und OPs, irgendwann dann: einen neuen Namen aussuchen, Änderung der Papiere (Personensachstandsänderung bei Gericht).

Bei Stammtischen können Betroffene neue Weggefährten kennen lernen und feststellen: Es gibt ja noch viele andere Menschen, die genauso denken und fühlen wie ich! Auch Eltern und Partner sind dabei. Sie können durch den Austausch mit anderen von deren Erfahrungen auf dem schwierigen Weg profitieren, etwa bei Reaktionen auf ein Outing.

Transfamily gibt Hilfestellung bei gesundheitlichen oder psychischen Fragen und auch, wenn transsexuelle Menschen in ihrer Identität angezweifelt und angefeindet werden. Sie bieten Aufklärung: trans*sexuell, trans*ident, transgender … was hat es mit diesen Begriffen auf sich? Der Verein hat in den letzten Jahren mehrere Ausstellungen organisiert. Die Wanderausstellung „Transfamily – wir sind anders“ verdeutlichte das Thema Trans* in Bildern und war ein Beitrag beim Selbsthilfepreis NRW 2020.

www.transfamily.nrw

Ein Transgender ist eine Person, die als Mitglied des anderen Geschlechts betrachtet werden möchte bzw. sich keinem eindeutigen Geschlecht zuordnet.

Trans* ist ein Oberbegriff für Personen, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde

Statt trans*sexuell wird inzwischen häufig der Begriff trans*ident verwendet. Damit soll deutlich werden, dass es nicht vordergründig um Sexualität, sondern um Fragen der Identität geht